Er war tot.
Das war mir gewiss, aber gleichgültig, denn ich liebte ihn immer noch. Meine Liebe zu ihm endete nicht einfach mit seinem Tod. Vor einigen Jahren hatten Unbekannte ihn mir in einer vom Mond hell erleuchteten Nacht entrissen. Seitdem erschien er mir immer wieder bei Mondlicht. Ich erzählte niemandem von seinen nächtlichen Besuchen – mir hätte wohl niemand Glauben geschenkt. Aber ich war nicht verrückt. Ich war bei seiner Beerdigung dabei gewesen. Ich hatte an seinem Grab gestanden, als sein lebloser Körper in die Erde gelegt wurde. Sein Erscheinen konnte ich mir nicht erklären, aber es war mir auch egal. Ich war einfach nur glücklich, ihn wiederzusehen.
In den Nächten seiner Besuche stand ich auf meinem Balkon, hielt mich am Geländer fest und schaute zum Mond hinauf. Dann wartete ich. Sobald er hoch am Himmel erschien, schwebte er zu mir. Wir konnten uns nicht berühren, aber es genügte mir, dass wir diese Nächte zusammen verbrachten.
Doch heute Nacht sollte alles anders sein. Das spürte ich. Es sollte die letzte Nacht sein, in der ich ihn sehen würde. Das einsetzende Mondlicht färbte den Himmel und die Erde in ein leuchtendes Violett. Wie immer stand ich auf dem Balkon und wartete sehnsüchtig darauf, dass der Mond ihn mir offenbarte.
Dann erschien er.
In der Ferne tauchte eine Erscheinung aus dem Mondlicht auf, die langsam die Gestalt eines Mannes annahm – die Gestalt meines Mannes. Der Mond hüllte ihn in ein langes, kristallenes Gewand. Doch anstatt auf mich zuzuschweben, schritt er mit nackten Füßen durch die Luft, bis er sie auf das Gras setzte. Der Mond spendete leuchtende Kristalle, die den Pfad zu mir erleuchteten.
Während ich auf dem Balkon wartete, sah er zu mir auf. Unsere Augen trafen sich. Er lächelte, und ich konnte sein kleines Grübchen sehen. Während seine Füße ihn bis unter meinen Balkon trugen, wandte er den Blick nicht ab.
Und dann bemerkte ich, wie sich seine Augen mit Tränen füllten. Sie rannen ihm über die Wangen und fielen sanft auf das Gras. Mein Herz schmerzte, und nun begann auch ich zu weinen. Ich wollte mit ihm reden, aber ich brachte kein einziges Wort heraus. Die Worte blieben mir im Hals stecken. Ich wollte ihn berühren, aber er war zu weit weg.
Dann schien er tatsächlich zu sprechen. Sein Mund bewegte sich, doch seine Worte blieben ungehört. Der Mond ließ ihn nicht zu Wort kommen – er nahm ihn von mir fort.
Sein Gesicht begann langsam zu verblassen. Das Mondlicht trug es Stück für Stück davon. Ich konnte mich nicht mehr zurückhalten und weinte bitterlich. Ich wollte mich vorbeugen, springen, ihn berühren – doch irgendetwas hielt mich zurück. Meine Tränen fielen durch die lautlose Nacht vom Balkon hinunter, durch seine Erscheinung hindurch.
Sie trafen auf seine.
Als sein Gesicht vollständig verblasst war, drehte er sich um und ging dorthin, woher er gekommen war. Plötzlich verstand ich. Dort, wohin er ging, würde er nicht allein sein. Das Mondlicht legte seine behutsame Hand um ihn. Seine Gestalt löste sich völlig auf, und diese Nacht war das letzte Mal, dass ich ihn sah.
Doch meine Liebe zu ihm ist bis zum heutigen Tag nicht erloschen. Eines ist für mich gewiss: Das Mondlicht hatte ihn mir gegeben und ihn mir wieder genommen.
Und bis heute sieht man die Grasstelle glänzen, an der sich unsere Tränen trafen.
