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Sein eigener Henker
Kurzgeschichte

Sein eigener Henker

Über den Preis der Menschlichkeit

Ein Henker, gerichtet von einem Henker. Und die Frage, die er dir hinterlässt: War es gerecht?

Kurzgeschichte
Sein eigener Henker
Über den Preis der Menschlichkeit

Ein blutroter Holzstumpf. Er fiel mir direkt ins Auge. Wie gut ich ihn doch kannte. Wir waren seit unzähligen Jahren Partner. Und heute sollte unsere Partnerschaft enden.

Ich erbte den Beruf des Henkers von meinem Vater. Er wurde vom König auserwählt, diese Tätigkeit auszuüben. Da es Brauch war, dass der Sohn die Tätigkeit des Vaters übernahm, und die Arbeit gut bezahlt wurde, übte ich sie ebenfalls aus. Im Nachhinein diente die gute Bezahlung nur als Schweigegeld.

Ich richtete Menschen beinahe täglich hin, selten mehrere an einem Tag. Oft löschte ich das Gesindel der Menschheit aus — Mörder, Vergewaltiger, Diebe. All das machte mir nichts aus. Ich war der Ansicht, je weniger es davon gäbe, desto besser für die Menschen. Meine Mitmenschen liebten mich dafür. Ich achtete das Gesetz des Königs und des Adels. Ihr Wort war das Gesetz. Ab und zu wurde einer dieser Mächtigen bei einer Untat erwischt, aber selten wurde er bestraft. Er kaufte sich einfach frei.

Dass auch Menschen unter dem Gesindel waren, die nur beste Absichten hatten — das gab es natürlich auch.

Ich erzähle euch die Geschichte eines Vaters, der alleine vier Kinder aufzog. Die Mutter starb bei der Geburt des jüngsten. Die Lage des Mannes war verzweifelt. Arbeit hatte er keine, und dennoch musste er seine vier Kinder ernähren. Seine Verzweiflung führte schließlich dazu, dass er das Wild des Königs erlegte. Seine hungernden Kinder trieben ihn dazu. Er verstieß das Gesetz. Während der König kostenlos speiste und sein Volk hungerte, war es dennoch untersagt, das Wild des Königs zu jagen.

Der Mann wurde von Jägern erwischt. Die Soldaten des Königs nahmen ihn in Ketten. Nach einer kurzen Gerichtsanhörung — bei der die Soldaten des Königs aussagten — ließ ihn der König zu mir bringen. Er schlug ihm den Kopf ab. Ich. An jenem Tag jubelte mir keiner zu. Die Bezahlung war stattdessen höher als sonst. Ich meckerte nicht. Ich hatte mich daran gewöhnt.

Meine Hände lagen nun in eisernen Ketten, die meine Haut aufrissen. Der Schmerz war kaum spürbar — ich hatte gelernt, ihn zu verdrängen. Meine Füße trugen mich über den Vorplatz, der voller Menschen war. Es war ironisch. Ein Henker, gerichtet von einem Henker.

Ich erreichte das Schafott. Ich stieg langsam die Stufen hinauf.

Mein Kollege saß auf einer Holztruhe und wetzte die Klinge seines Beils. Ich begutachtete sie und war zufrieden. Das Eisen war gut geölt und scharf. Nichts ist schlampiger als eine verhunzte Hinrichtung.

Ich dachte an mein Leben. An den Vater der vier Kinder. An die vielen anderen, deren Namen ich längst vergessen hatte.

Jetzt fällt mir ein, dass ich euch gar nichts darüber erzählt habe, welches Verbrechen ich begangen habe. Gewiss war es ein Verbrechen im Auge des Königs und seiner Handlanger. Ob es ein gerechtes war — das überlasse ich euch.

Entscheide für mich.

Die Zeit wird knapp. Keine Zeit mehr, euch zu unterhalten. Vergesst mich einfach nicht. Überall passiert das.

Ich kniete mich hin. Der Henker legte meinen Hals auf den Holzstumpf. Er brauchte nicht lange, bis er die geeignete Position gefunden hatte. Er hob das Beil und schlug zu.

Mein Leben endete wie das eines Gesindels.

— Ende —